Vom Slow Food Youth Network angestoßen findet dieses Jahr der allererste „World Disco Soup Day“ statt. Am 29. April 2017 werden überall weltweit Schnippeldiskos organisiert. In Iran, Brasilien, Uganda, Japan, den Niederlanden und anderen Ländern werden tausende schnippelnde und tanzenden Menschen gemeinsam ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung und für mehr Wertschätzung von Lebensmittel und der Arbeit, die dahinter steckt, setzen.

Im Januar 2012 veranstaltet Slow Food Youth Deutschland die erste Schnippeldisko in Berlin. Einige hundert Leute trafen sich damals in der Markthalle 9 in Berlin Kreuzberg, um der sinnlosen Verschwendung aussortierter Lebensmittel entgegenzuwirken und eine Protestsuppe für die Demonstranten der großen „Wir Haben Es Satt!“-Demo vorzubereiten.

6 Jahre später hat die Botschaft sich weit über die Landeshauptstadt hinaus, in die Welt verbreitet. Disco Soups, Disco Xepa, Disco Veggies sind seither in mehr als 20 Ländern, von Südkorea bis São Paolo, von Irland bis Nairobi, veranstaltet worden. Viele Menschen haben bei guter Musik und guter Laune kiloweise nicht marktfähiges Gemüse und Obst vor der Tonne gerettet und gemeinsam geschnippelt und gegessen.

Vom Slow Food Youth Network angestoßen findet dieses Jahr der allererste „World Disco Soup Day“ statt. Am 29. April 2017 werden überall weltweit Schnippeldiskos organisiert. In Iran, Brasilien, Uganda, Japan, den Niederlanden und anderen Ländern werden tausende schnippelnde und tanzenden Menschen gemeinsam ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung und für mehr Wertschätzung von Lebensmittel und der Arbeit, die dahinter steckt, setzen. Eine Welt Karte mit den verschiedenen Schnippeldiskos findet ihr Hier.

In Deutschland werden gleich zwei Partys auf einmal gefeiert : in Hamburg, Münster, Blunk und Fulda wird nicht nur gegen Lebensmittelverschwendung geschnippelt, gekocht und gegessen, sondern auch um die 25 Jahren von Slow Food Deutschland und unsere Arbeit für eine gute, saubere und faire Lebensmittelwelt zusammen zu feiern.

Was ist eine Schnippeldisko?

PrintDas Format sieht dabei immer so aus: Nicht marktfähiges Obst und Gemüse wird gesammelt und bei coolen Beats zu einem gemeinsamen Essen verarbeitet – und das am besten öffentlich, also zum Beispiel auf einem Platz mitten in der Stadt.

Der Spaß am gemeinsamen Schnippeln, Schrubben und Schälen der Lebensmittel steht für uns dabei im Mittelpunkt.

Warum schnippeln wir?

Mit mehr als 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmitteln, die zwischen Acker und Teller verloren gehen (FAO), ist Lebensmittelverschwendung ein sozialer, ökonomischer und ökologischer Skandal.

Das sind tatsächlich mehr als ein Drittel der Lebensmittel, die für den menschlichen Konsum hergestellt werden, und nie verzehrt werden. Gleichzeitig sind circa 805 Millionen Menschen unter- und mangelernährt. Lebensmittelverschwendung ist auch Verschwendung wertvoller Ressourcen. Böden, Wasser, Energie, Rohstoffe: ca. 40% der natürlichen Ressourcen, die für die Lebensmittelproduktion genutzt werden, werden umsonst verbraucht. Es geht auch genauso um CO2-Ausstöße: Lebensmittelproduktion verursacht dreimal so viel CO2 Ausstoß wie der Luftverkehr. Umgerechnet bedeutet es, dass wenn Lebensmittelverschwendung ein Land wäre, wäre es nach den USA und China der 3. größte Kohlendioxidproduzent.

Die Ursachen und Orte für Lebensmittelverluste unterscheiden sich zwischen Ländern des globalen Südens denen des globalen Nordens. Während fehlende Lagermöglichkeiten, Infrastruktur, Transportmöglichkeiten und Kühlsysteme im globalen Süden zum Lebensmittelverlust führen, liegt das Problem in Europa mehr auf den Qualitätsstandards und Normen.

Gemüse und Obst sollen alle makellos aussehen: Knubbel, Flecken oder Verwachsungen? Wollen die Verbraucher nicht – argumentieren die Supermärkte. Was wollen die Verbraucher denn? Volle Regale mit frischen Produkten bis Ladenschluss laut Backshops und Discountern, egal, wenn es 15 Minuten später im Eimer landet. Gleich aussehende und schmeckende Pommes und Joghurt – laut der Lebensmittelindustrie. Also alles, was nicht verkauft werden kann, was nicht in die automatisierten Maschinen der Industrie passt, was die Schönheitskriterien des Handels nicht entspricht, alle diese Lebensmittel werden tonnenweise weggeworfen, untergepflügt, verbrannt oder an Tiere verfüttert. Die meisten Verbraucher haben sehr wenig Bezug auf Lebensmittelproduktion und können nicht ahnen, wie viele Ressourcen und Arbeit hinter einem Brötchen, das für ein paar Cents verkauft wird, steckt. Insbesondere, wenn sie mithilfe von Werbung, speziellen Angebote und Marketingstrategien dazu eingeladen werden, Einkaufswägen so mit Lebensmitteln vollzuladen, dass sie die gar nicht mehr aufessen können. Es ist so günstig, es kann dann nicht so schlimm sein, wenn man das alte getrocknete Brot in die Tonne wirft. Jeder Bürger in Deutschland schmeißt im Durchschnitt 82kg Lebensmittel pro Jahr weg. Das sind, für eine 4-köpfige Familie in Deutschland, geschätzte 940€ , die pro Jahr im Eimer landen.

Kurz gesagt ist Lebensmittelverschwendung in Europa ein skandalöses Symptom. In unserem Lebensmittelsystem läuft gehörig was schief: das aktuelle System braucht Lebensmittelverschwendung, um funktionieren zu können.

Es ändert sich was…

Seit 2011 mit der Erscheinung des Films Taste the Waste von Valentin Turn ist viel passiert und es hat sich viel geändert in den Köpfen.

Zahlreiche Initiativen bekämpfen Lebensmittelverschwendung auf verschiedenen Ebenen der Lebensmittelkette: The Good Food in Köln vermarktet gegen Spende die von Supermärkten oder LandwirtInnen aussortierten Lebensmittel. Querfeld beliefert Kitas und Schulen der Region Berlin mit Misfits aus Biobetrieben und erzeugt dadurch extra Einkommen für Landwirte und günstigere Preise für verschiedene Einrichtungen. Restlos Glücklich zaubert Gerichte aus Lebensmitteln, die von Supermärkten normalerweise entsorgt werden sollten und fördert mit dem Gewinn Bildungsprojekte, um Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Food Sharing bietet eine selbst-organisierte und -verwaltete Plattform, um Bürger dabei zu unterstützen, sich zu organisieren, um Reste von Supermärkten und Haushalten abzuholen und wieder zu verteilen. Die Apps Meal-Saver oder Too good to go bieten die in Restaurants überschüssigen Portionen zu einem vergünstigten Preis für hungrige Selbstabholer an. Neue Geschäfte haben sich auf die Weiterverarbeitung von Überschüssigen oder sonst nicht verwendeten Lebensmitteln spezialisiert: Bananen-Brot von geretteten Bananen gibt es in der Region Düsseldorf von dem jungen Unternehmen Be Banana, Snacks aus gerettetem Obst und Gemüse im Berliner Umland vom Startup Dörrwek. Verschiedene Brauereien verwenden jetzt altes Brot in ihren Rezepturen, wie Toast Ale in London. Brox bietet 18-Stunden lang gekochte Brühe aus Bioknochen von Weiderindern, die normalerweise nicht mehr verwendet werden.

Neben allen diesen Initiativen und neuen Geschäften tut sich auch was auf der politischen Ebene. Frankreich und bald auch Finnland haben jetzt ein Gesetz, das Supermärkte verpflichtet, noch genießbare Lebensmittel an gemeinnützigen Organisationen zu spenden. Diese Lebensmittel zu vernichten wird jetzt streng bestraft. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen hat im Februar 2017 einen Entschließungsantrag beim Bundesrat eingereicht, um die Bundesregierung aufzufordern, verbindliche Reduktionsziele und eine richtige Strategie für Deutschland zu erarbeiten. Der Antrag ist durchgekommen, der Bundesrat hat eine Entschließung am 31.03.2017 gefasst und an die Bundesregierung zugeleitet.

…Es ist aber nicht genug!

Wir brauchen aber darüber hinaus einen Wandel im System. Wir brauchen mehr Wertschätzung von Lebensmitteln und denen, die es produzieren und weiterverarbeiten.

In Slow Food Worten: „Lebensmittelverschwendung kann und muss in erster Linie durch weniger und bedachtere Produktion bekämpft werden. […] Während es sicherlich wichtig ist, Nahrungsmittelverluste und Verschwendung in allen Phasen zu reduzieren, geht es Slow Food in erster Linie um die Bedeutung der grundlegenden Vermeidung von Lebensmittelabfällen, die durch die Anerkennung des Wertes von Lebensmitteln/Ernährung und eine an die menschlichen Bedürfnisse angepasste Herstellungsmenge erreicht werden kann. Dies bedeutet eine Neuausrichtung des vorherrschenden Systems: weg von der industriellen Landwirtschaft hin zu einem System, welches auf kleine, familienbetriebene, nachhaltige Betriebe setzt, für deren Arbeitsweise Achtsamkeit gegenüber der Natur und die Bedürfnisse derer, die täglich mit Essen versorgt werden müssen, zentral sind. System Änderung in der Landwirtschaft.“ (Slow Food Positionspapier zur Lebensmittelverschwendung).

Lass uns mal wieder von und miteinander lernen, zu kochen und zu genießen, z.B. mit Recipeople. Lasst uns lernen, krummes Gemüse, Reste oder Teile von Tieren, die wir nicht kennen, zuzubereiten. Lass uns die 235€, dass wir jedes Jahr als Einzelverbraucher in die Tonne werfen lieber an kleine Produzenten und Betriebe, die die Umwelt, die Arbeitsbedingungen und das Tierwohl respektieren, spenden. Lasst unsere Stimme bei Demos oder durch Petitionen hören, um die politischen Rahmenbedingungen zu ändern. Viele Ideen kannst du hier auf unserer Website finden.

Lasst uns kulinarischen Ungehorsam üben und leben!

Und lasst uns bei dem World Disco Soup Day zusammen schnippeln, essen, tanzen und die Botschaft weitergeben.

(Original Artikel auf der Seite der Slow Food Youth Deutschland)

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